Abgeschlossen und abgehakt
2005 geht zu Ende und ich kann ganz bescheiden sagen, dass dieses Jahr wohl eine Zäsur in meinem kleinen Leben ist.
Vieles ist geschehen. Mein geliebter Großvater ist nach langem dahinsiehchen friedlich gestorben, mein Kampf für richtige Medikamente, sprich Hormone, geht im nächsten Jahr wohl in die Verlängerung und es liegt an mir eine neue Strategie zu entwickeln. Ich bin mir klar geworden, dass ich nicht in der Regelschule unterrichten will und dass vieles falsch läuft, aber ich nicht für die ganze Welt verantwortlich bin.
Ich habe viele Menschen kennen gelernt und unendlich wunderbare neue Freunde gefunden, mit denen ich nicht annähernd so viel Zeit verbringen kann wie ich es gerne möchte. Aber der Gedanke daran, dass es immer wieder Treffen gibt, gibt mir ein unheimlich gutes Gefühl. Ich bin nicht mehr alleine. Eine Erkenntnis, die mich wohl mein ganzes Leben begleiten wird.
Meine Familie hat mir mehrere Tiefs beschert, doch jetzt, am Ende des Jahres sind auch wir wieder zusammen gewachsen und arbeiten und betrinken uns wie immer zusammen.
Alles in allem war es ein wunderbares Jahr. Mein Leben und meine Einstellung haben sich grundlegend verändert. Nichts wird mehr so sein wie früher. Ich durfte Erfahrungen sammeln und gehörig auf die Fresse fallen, aber all das macht es doch im Endeffekt aus. Man macht Erfahrungen und wird reifer und realistischer.
12 Monate..... 12 Monate die ich nun schon hier schreibe, mein Leben dokumentiere und meinen gedanklichen Müll in die Weiten des Internets hinausposaune. Nicht mit der Absicht etwas zu verändern, gelesen zu werden oder Aufmerksamkeit zu bekommen. Nein, ich blogge um zu schreiben und um mir eine Meinung über gewisse Sichtweisen zu machen. Das Schreiben unterstützt mich in dieser Meinungsbildung, denn das geschriebene Wort gibt mir die Möglichkeit mir vieler Dinge bewusst zu werden, die meinem vielbeschäftigten Hirn sonst entgehen könnten. Es ist ein ewiges Analysieren von Zuständen und Fakten und ich bin mir sicher, dass ich auch im nächsten dessen nicht müde werde.
interlife - 26. Dez, 23:59
Abgeschlossen und abgehakt
Immer wieder kommt es vor, dass Leute, denen ich von meiner Geschichte erzähle, sie nicht für sich behalten können.
Früher ist für mich dann immer eine Welt zusammen gebrochen, heute ist es nur noch eine kleine.
Das letzte Mal geschah es vor etwa einem Jahr. Beiläufig erzählte ich einer Studienkollegin von meiner Intersexualität und was es mit der Thematik auf sich hat. Natürlich war ich wieder einmal alkoholisiert. Naja, gibt es Studienreisen ohne Alkohol?
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, dämmerte mir, wem ich da eigentlich meine Geschichte erzählt hatte. Diese Frau konnte Geheimnisse so gut behalten, wie ein Nudelsieb Wasser und so war es nicht verwunderlich, dass sie wahrscheinlich so ziemlich jedem den sie kennt von mir erzählt hate. Das ist ja an und für sich nichts schlechtes, aber es ist ein verdammt mieses Gefühl, wenn sich Leute hinter deinem Rücken über deine körperliche Konstitution unterhalten und eine sogenannte Mythenbildung betreiben, denn genau das entsteht, wenn man stille Post spielt. Es entstehen unterhaltsame oder auch eher horrorartige Geschichten zu meiner Person und genau das macht mir Angst, nicht, dass jemand einfach meine Geschichte weitererzählt, dass ist mir egal, aber diese Unwahrheiten, die dann jeder zu kennen scheint und und keiner traut sich nachzufragen.
Ich habe sie dann auf einem Fest gefragt, wem sie es alles erzählt hat und es waren so viele, dass sie nicht einmal mehr alle zusammenbrachte. Mir stellt es die Haare auf, wenn ich daran denke, was sich die Leute hinter meinem Rücken zusammendenken. Schritt für Schritt habe ich dann versucht, das ganze wieder ins Lot zu bringen und mit jeder der von ihr in Kenntniss gesetzten Person, ein Intersex-Aufklärungs-Unwahrheiten-Präventions-Gespräch zu führen.
Das ist auch eine Möglichkeit die Welt über Intersexualität zu informieren: Man erzählt es einem Plapermaul mit Null Ahnung und bringt anschließend wieder alles in Ordnung.
Manchmal stelle ich fest, dass ich selbst in diesem Tabu noch gefangen bin. In diesem "Nicht darüber reden" dürfen. Wenn ich es jemandem erzählt habe, fühle ich mich heute noch so richtig schuldig und schlecht, als ob ich jemanden betrogen hätte. Ich weiß auch nicht woher das kommt.
interlife - 19. Mai, 13:09
Abgeschlossen und abgehakt
Vorgestern war Tag 100 des sinnlosen Geschreibsel und "nach Worte ringen".
Ich hab es einfach vergessen.
Mittlerweile versucht man wieder einmal mich mit Süßigkeiten zu erpressen damit der Hausfrieden wieder hergestellt wird. Aber nicht mit mir! Es ist Schluss mit den Erpressungen! Ich will endlich mal reden anfangen (auch wenn es in diesem Haus nicht möglich scheint).
interlife - 16. Apr, 13:40
Abgeschlossen und abgehakt
Ich war 17 oder 18 und es war ein wunderbarer Sommertag.
Meine Emotionen waren auf ein dumpfes Pochen zusammen geschrumpft. Das ich überhaupt noch Lebe schien ich gar nicht mehr zu spüren.
Ja! Spüren. Ich wollte meinen Schmerz spüren oder wollte ich echte Schmerzen spüren?
Eigentlich fühlte ich gar nichts mehr. Mein emotionales Empfinden hing in der Warteschleife hinter dem Hypothalamus. Flennen und selbst Bemitleiden - so sah mein Tagesablauf aus.
Damit ich nochmal so richtig "fühlen" kann, wollte ich mir selber Schmerzen zufügen. Ein Messer lag auf der Ablage in der Küche. Ich ergriff es und fing an mir in den Arm zu rizen. Immer tiefer und tiefer. Es schmerzte höllisch, aber ich biss die Zähne zusammen. Das warme Blut tropfte langsam und gemächlich zu Boden nachdem es sich mein Handgelenk hinunter geschlängelt hatte.
Ja, ich war noch ein Mensch, ich fühlte noch, ich konnte noch Schmerzen empfinden. Die Welt war noch in Ordnung.
Nach dem Schneiden hab ich dann nochmal ne Zigarette auf meinem Arm ausgedrückt.
Das war ne kranke Zeit.
Die Narben aus dieser Zeit habe ich immer noch.
Sie sind das Monument meiner eigenen Grausamkeit. Der Beweis dafür, dass, egal wie Gefühlstot ich doch bin, mein Gehirn körperlichen Schmerz immer noch empfinden kann.
interlife - 12. Apr, 17:47
Abgeschlossen und abgehakt
Damals mit elf oder zehn, ich weiß es nicht mehr so genau, als sie mir meine Hoden in der Uniklinik Innsbruck, aus meinem Bauchraum rausgeschnepfelt haben, lag da noch ein Mädchen neben mir im Zimmer.
Wir waren sowieso die zwei einzigen Mädels auf der Station, das hat mich schon mit elf gewundert. Lag es vielleicht daran, dass es die Kinderurologie war? :)
Ich war starr vor angst, atmete flach und war verkrampft in meinen Bewegungen. So geht es mir noch heute wenn ich Weißkittel sehe, doch eigentlich hab ich gar kein Recht mich zu beklagen.
In den 3 Tagen, die ich im Krankenhaus verbrachte, lag dieses Mädchen bewegungslos neben mir und röchelte nur so vor sich hin vor lauter Schmerz. Sie tat mir leid.
Sie war, so weit ich mich erinnern konnte, ein Flüchtlingskind aus Jugoslawien. Unten rum, war sie dick in Verband eingepackt und haufenweise Schläuche mit Wundwasser hingen an ihrem kleinen Körper.
Wie war ich froh, als ich aus der Narkose aufwachte und nur eine Infusionsflasche über mir sah.
Ich öffnete die Augen und sah meine Mutter neben mir am Bett.
Sie verliert die Beherrschung als sie mich sieht, beginnt zu weinen.
"Warum weinst du? Es ist doch alles gut?"
"Nichts ist gut, aber das verstehtst du noch nicht!"
Naja, ich wusste nicht, was man mir da rausgenommen hatte und es war mir eigentlich auch scheiß egal. Ich war froh, dass ich keine Schmerzen hatte.
Was aus dem Mädchen neben mir geworden ist?
Sie schluchzte und röchelte immer noch vor lauter Schmerzen, als ich aus dem Krankehaus entlassen wurde.
Traurige Sache, am liebsten hätte ich sie mitgenommen.
interlife - 12. Apr, 10:59
Abgeschlossen und abgehakt
Etwas hat sich in den letzten Monaten grundlegend verändert.
Vielleicht liegt es ja an meiner Chatsucht die ich entwickelt habe und mich jeden Abend vor den Computer zieht oder es kommt doch vom bloggen.
Als ich im November erfahren habe, dass es einen Chatroom gibt, der auch regelmäßig von den Betroffenen genutzt wird um sich auszutauschen, konnte ich mich kaum halten. Endlich mal mit anderen in Echtzeit reden und dabei auch noch die Anonymität waren. Das mit der Anonymität verwarf ich schon nach 5 Minuten, wenn kümmerte es schon.
Dieser Austausch hat meine grundlegenden Ansichten ziemlich durcheinander geschüttelt. Eigentlich ist nichts mehr so wie vorher. Wenn ich jemanden von meiner Intersexualität erzähle, tu ich das jetzt ganz nüchtern und lach mir dabei ins Fäustchen, wenn mein Gegenüber vor lauter Entsetzten, dass es so etwas überhaupt gibt, den Mund nicht mehr zubringt.
Früher habe ich nur mit ganz guten Freunden darüber geredet. Mittlerweile sind es aber auch Leute, die man in einem Lokal kennen lernt oder eben irgendwo anders. Ich bin lockerer im Umgang geworden. Sehe das ganze nicht mehr so eng wie früher. Man kann sagen, dass ich angefangen habe meine Intersexualität zu leben und nicht mehr zu verstecken und damit geht es gleich ein ganzes Stück besser.
Nichts tut einem mehr gut als die Wahrheit!!!
Ich habe mich die letzten Monate sehr intensiv mit mir selbst auseinander gesetzt und eingeleitet wurde das ganze durch den Chat. Zu hören was andere, die mit den gleichen Problemen kämpfen, an einem x beliebigen Tag erlebt haben, schafft eine tiefe Verbundenheit und Solidarität. Man fühlt sich schon fast unbesiegbar, denn man weiß, dass es Leute gibt die zu einem halten. Das tun meine "Normalo" Freunde ja auch, aber wie das eben so ist, werden sie mich nie ganz verstehen können und daran kann ich eigentlich nichts ändern. Da treffen einfach Welten aufeinander.
Was ich ändern kann, ist dass sie mich ein Stückchen mehr verstehen, in dem ich sie an meinen Gedanken teilhaben lassen, aber meine Gedanken nachvollziehen.... nein, geht nicht! Am meisten ärgert mich, dass meine Intersexualität als Krankheit erachtet wird. Bin ich krank? Fühle ich mich krank? Nein! Ja, bin ich denn dann krank? Intersexualität war für mich früher ein großes Problem, mittlerweile ist es wirklich so, wie es auch viele andere Betroffene beschreiben, es ist ein Seins-Zustand.
Und damit ist die Sonntagspredigt beendet!
interlife - 27. Feb, 11:07
Abgeschlossen und abgehakt
Kurz zu Ort, Zeit und Raum:
Kurz vor Weihnachten im Jahr 2002, ich bin 19 und ich feiere mit ein paar Freundinnen aus meiner Klasse das alljährliche weihnachtliche Besäufnis.
Es war ein netter Abend. Unterhaltsam, witzig und aus der letzten Schublade. Die Damen unterhielten sich über die Unfähigkeit ihrer Freunde - alle waren sich einig, noch nie einen Orgasmus gehabt zu haben und verglichen die Gesichter der Männer mit Schweinen und Hühnern. Ich belächelte diese Diskussion, denn ich hatte zu der Zeit eigentlich andere Probleme.
Im Suff fragte mich die Gastgeberin, ob sie mich mal unter vier Augen sprechen kann. Ich dachte mir nichts dabei und ging mit ihr in die Küche.
"Ja was ist denn? " lallte ich.
"Ich hab da so was gehört"
Großes Fragezeichen meinerseits.
"C. hat zu mir gesagt, dass du keine Geschlechtsorgane hast."
"Aha" -> Den Mund krieg ich im Moment nicht mehr zu, denn C. Punkt dürfte eigentlich nichts davon wissen.
"Wie keine Geschlechtsorgane?", frage ich grinsend. In diesem Moment überlegte ich mich gerade, ob ich nun die Wahrheit sagen soll und sie einweihe oder ob ich das Ganze als ganz große fiese Lüge abtue. Jede Gehirnwindung arbeitete in diesem Moment auf Hochtouren, aber der Alkoholeinfluss ließ diese Maschinerie außer Kontrolle kommen.
"Ich könnte dich jetzt anlügen, aber ich sag dir die Wahrheit." meine ich ganz trocken und ruhig. "Ich habe keine inneren Geschlechtsorgane, aber außen bin ich ganz normal und genetisch gesehen bin ich eigentlich ein Mann.“
-> Schweigen im Walde. Wie zum Teufel konnte C. Punkt das wissen. Etwas war klar, es ist über 3 Ecken zu ihr gelangt, was quasi hieß, die ganze Klasse machte sich hinter meinem Rücken Gedanken über mein äußeres Erscheinungsbild im Intimbereich.
Wie peinlich. Noch schnell 3 Gläser Wodka runterschütten und diesen Gedanken abschütteln.
Wie in Trance saß ich 10 Minuten da. Ein dunkler Schleier hatte sich um mich gelegt. Man hatte mich hintergangen, verarscht und mein Vertrauen gebrochen. Wer war das? Warum macht das jemand? Ich war schockiert.
Ich höre, wie jemand meinen Namen ruft, immer wieder aufs Neue.
"Was?" stammle ich noch, dann brach ich zusammen und wollte nur noch sterben. Ach wie peinlich. Nie wieder würde ich diesen Pissern in die Augen schauen können.
Heute belustigt mich das ganze unheimlich. Die denken doch wirklich ich hab den selben Intimbereich wie ne Barby und Pipi mach ich durch die Nase. Ist doch echt zum schreien.
Und wer da nicht dicht gehalten hat wurde natürlich nie herausgefunden. Spekultaionen gibt es zuhauf.
interlife - 22. Feb, 22:48
Abgeschlossen und abgehakt
So, beim lesen meiner Geschichte ist mir jetzt aufgefallen, dass ich einige wichtige Dinge einfach vergessen habe. Wahrscheinlich sogar absichtlich. Darum schreibe ich jetzt noch einen Teil 6, der eigentlich nicht mehr so wichtig ist. Doch, eigentlich ist der auch sehr wichtig. Momentan scheine ich an extremen Entscheidungsproblemen zu leiden. Wie heißt das noch mal der Fachbegriff dazu????
Damals in der HTL:
Ich weinte oft, ließ es einfach raus, egal ob jemand in meiner Nähe war. Ein psychisches Wrack - soviel hatte ich ja schon erzählt.
Mir ist aufgefallen, dass ich seit der Matura nicht mehr geweint habe. Ja ich kann geradezu überhaupt nicht mehr weinen. Eine Träne, aber damit hat es sich dann auch schon wieder. Aber dieses tiefe, schluchzende Weinen mit geschwollenem Gesicht und allem drum und dran, das habe ich verlernt und es ist beides, Fluch und Segen. Ich habe mich ja ständig selber beweint, es war also doch nichts anderes als Selbstmitleid.
Ich hab mir mal Gedanken gemacht, warum das eigentlich so ist und ich kann es nur erahnen.
Es gab in der Schule nur diesen kleinen Kreis von Leuten die davon Bescheid wussten. Meine außerschulischen Freunde, mit denen ich eigentlich am Wochenende die meiste Zeit verbrachte, hatten keinen Schimmer.
Die Klassengemeinschaft war... ja war eigentlich überhaupt nicht vorhanden. So etwas kannten wir gar nicht. Es gab diese Grüppchen, ein paar Neutrale und die Außenseiter, ich war eine Mischung: gehörte zwar auch zu einer Gruppe, war aber im Klassenverband gesehen, eine Außenseiterin.
Ja, und irgendjemand von den Leuten die Bescheid wussten haben eines Tages geplaudert (Jetzt komm ich zwar vom Thema ab, aber egal). Ich sehe es noch vor mir, als ob es gestern gewesen wäre. Das war der seltsamste Tag in meinem ganzen Leben:
Es ist kurz vor Weihnachten und wir haben BWL mit dem intelligentesten Mann der ganzen Schule - unserem allseits geschätzten Direktor.
Ich glaube das Thema dieser Stunde war Ergonomie des Arbeitsblattes und die gesetzlichen Verpflichtungen des Arbeitgebers oder so ähnlich.
Aber unser Lehrer schweifte sehr gerne etwa aus und plötzlich begann er über Intersexualität zu sprechen. Ja, er nahm dieses Wort ganz offen in den Mund. Man kann sich wohl vorstellen, dass ich mich da nicht mehr wohl in meiner Haut fühlte. Er erzählte meinen dummen Mitschülern, die natürlich noch nie etwas darüber gehört haben, die Geschichte einer russischen Athletin die von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde.
Die nichts wissenden Mitschüler hörten alle gespannt zu, ich aber bekam den paranoidesten Anfall meines Lebens.
ER WUSSTE ES, JEMAND HATTE ES IM GESTECKT!!!!
Na ja, die Möglichkeit besteht zwar, ist aber eher auszuschließen, oder.... wenn ich so genau darüber nachdenke und diese paranoiden Gedanken verfolge ist es doch nicht so unmöglich.
Mit zitternder Hand und angehaltenem Atem saß ich auf dem Stuhl, starrte das Skriptum an und begann zu unterstreiche. Alles was auch nur im Entferntesten über die Ergonomie am Arbeitsplatz wichtig war wurde gelb markiert. Das blanke Entsetzen war in meinen Augen zu sehen. Mein Kopf - rot und jeden Moment zum Platzen bereit.
20 Minuten dauerte dieses grausige Schauspiel an. 20 Minuten hielt ich den Atem an. Dann war es geschafft.
Meine Banknachbarin sah mich mit großen Augen an.
"Viel hast du unterstrichen und gut geschlagen hast du dich!"
Beide schauten wir, dass wir schnell auf den Raucherhof kamen. Den mitleidigen Blicken meiner wissenden Klassenkolegen wollte ich jetzt doch nicht ausgesetzt werden. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Die ganze Klasse wusste über mich Bescheid, jemand hatte es ausgeplaudert und mein Vertrauen missbraucht.
Wie ich dahinter kam erzähle ich im nächsten Teil.
interlife - 22. Feb, 11:01
Abgeschlossen und abgehakt
Ich wusste jetzt, dass ich nicht mehr alleine mit meinen Problemen war. Aber die Probleme lösten sich dadurch nicht in Luft auf. Pupertäre Identitätskrisen ziehen sich hin. Mein nächster Schritt: Ich wollte, dass meine Eltern wissen, dass ich es weiß.
Es war an einem Samstag im Frühling des Jahres 2000 (wenn ich mich recht erinnere).
Ich druckte die ganze AIS Seite von der Medhelp-Hompage aus und legte sie im Flur neben das Telefon. Im laufe des Vormittages würden meine Eltern die Zetteln sicher sehen. Die ganzen Schlüssel lagen ja auch da.
Am Mittag kam ich wieder nach Hause. Meine Nerven lagen blank und ich stand nur noch 3 mm vor einem Nervenzusammenbruch.
Es lief wie immer, wenn es Probleme in unserer Familie gibt.
Meine Eltern standen in der Küche und grinsten blöd rum.
"Was hast du uns den da auf die Ablage gelegt?"
"Was soll die blöde Frage? Können die Idioten mitlerweile nicht mal mehr lesen?", dachte ich mir.
Heulend rannte ich auf mein Zimmer. Nein, schreiend rannte ich. Meine Eltern waren mit der Situation vollkommen überfordert. Man hatte ihnen ja gesagt, dass es nie Probleme geben sollte. Auf diese Situation waren sie eindeutig nicht vorbereitet.
Ich wollte sie nicht sehen. Sie ließen sich nicht abwimmeln. Geschrei! Meine Mutter versucht mich aufzuheitern, bringt mir etwas zu essen. Grinst wieder blöd.
In ihen Augen spiegelt sich die blanke Panik wieder. Was tun, was tun??
Mein Vater meint: "Mach dir keine Sorgen, so schlimm ist es schon nicht!"
"Was ist es dann?", schreie ich zurück.
Sie bieten mir einen Psychologen an. Ich lache sie aus. Den sollen sie sich irgendwo anders hin stecken.
Ok, dann soll ich wenigsten zu einem Gespräch mit meiner Frauenärztin gehen.
Die dumme Pute!
Zwei Tage später sitz ich bei dieser falschen Ärztin.
Ach, ich reg mich heute noch darüber auf, dass ich ihr nicht meine Meinung gesagt habe. Aber die Gelegenheit kommt schon noch.
interlife - 12. Feb, 13:36
Abgeschlossen und abgehakt
Ich wartete und wartete.
Für diesen Anlaß hatte ich mir sogar extra eine anonyme Emailadresse bei Uboot angelegt. Nur nicht erkannt werden.
Und dann die Mail.
Ich laß so schnell, wie noch nie in meinem Leben, saugte jeden Buchstaben auf, als würde er jeden Moment wieder vom Bildschirm weggefegt werden.
Wiedereinmal zu viel Information auf einmal. Ich verstand in meinem Wahn einfach alles falsch.
Ich dachte sie wollen, das dritte Geschlecht einführen und jeden Intersexuellen in der Öffentlichkeit outen. Ich brauchte sicher 5 Tage bis ich in der Lage war zu verstehen was da stand. So psychotisch war ich drauf
Heute denke ich, dass es wohl am besten wäre Neulingen in ganz einfachen Haupsätzen zu antworten, damit sie auch ja nichts falsch verstehen. Aber es sind ja nicht alle so wahnsinnig paranoid wie ich es war.
Danke Katrin, dass du da warst und ich dich mir Fragen durchboren durfte und du so viel Geduld mit mir hattest.
Ich will mir nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn es die XY-Frauen für mich nicht gegeben hätte.
Da gab es am Anfang aber noch ein paar Missverständnisse.
Ich schrieb etwas: "Ich will eigentlich nicht mehr wirklich Leben. Ich gehe jetzt auf den Zug." oder so.
Zu diesem Zeitpunkt musste ich aber wirklich auf den Zug gehen.
Die Antwort auf meine Mail:
"Bring dich nicht um! Wir haben die Polizei alarmiert um dich zu retten!!! Mach dich und den Zugfahrer nicht unglücklich" - Ich weiß nicht, wer mir dieses Mail geschrieben hatte, doch als ich das laß, erlitt ich beinahe einen Herzinfakt.
Meine Anomymität, meine Eltern durften doch nichts erfahren, ... Das war alles nur ein Missverständnis...
Ich reagierte mit einem wütenden und trotzigen Mail.
Wenn ich doch nur noch wüßte wer das war...
Ich würde älter. Das ganze Chaos wuchs sich irgendwie aus. Und ich erzählte meinen Eltern, dass ich wusste.....
Wie erzähl ich ein anderes mal. Hunger! Durst!
interlife - 10. Feb, 18:50
Abgeschlossen und abgehakt