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Montag, 15. Oktober 2007

Die dunkle Seite der Macht

Mich pisst der ganze Aktivistenkram zunehmend an. Nicht, dass ich einer wäre, aber ich lese in Foren und Weblogs und verfolge Veröffentlichungen in Zeitschriften und anderen Medien.
Etwas ist mir schon sehr früh beim Aktivistentum aufgefallen: Es gibt kein Mittelmaß, denn hinter jedem Baum lauert der Feind und alles endet irgendwann im finalen Kampf zwischen Gut und Böse (wobei nicht ganz sicher ist, wer wer ist). Da kämpft dann der Zwitter Lingling gegen irgend einen Medizinergeist und die bewerfen sich dann solange mit Feuerbällen und Stromschlagblitzen bis einer Tod umfällt. Der Faktor "Mensch" und "Mensch macht eben Fehler" wird vollkommen ausgeblendet. Der Anspruch des Mensch seins wird nur noch für die eigene, die "gute" Seite, beansprucht. Die anderen sind böse und haben keine Seele. Lingling lässt grüßen.

Jeder Fehler ist fatal, aber nicht, weil er nicht wieder gut zu machen wäre, sondern weil man defakto nicht aus seinen Fehlern lernen darf. Wer einmal etwas falsch macht ist böse und wer einmal böse ist, bleibt immer böse. Die Möglichkeit der inneren Einsicht, des Wandels und der Revidierung der eigenen Meinung ist nicht erlaubt. So ein Verhalten kenne ich eigentlich nur aus Gangs und aus fanatistischen (religiösen) Gemeinschaften.
Greenpace, AI und wie sie alle heißen sind da auch nicht anders als die IS Aktivisten, also werf ich jetzt pauschal alle in einen Topf. Aktivist ist Aktivist. Oder besser gesagt. Es ist ein schmaler Grad vom "Aktivisten mit kühlem Kopf " zum "Aktivisten mit Fundiparolen".

Ein Beispiel, das mir heute in den Sinn gekommen ist:
John Money galt als herausragender Sexualwissenschaftler und Psychologe. Leider beging er einen faltalen Fehler, indem er glaute, dass man aus Jungs ohne weiteres Mädchen machen könne und somit das Leben von Bruce Reimer zerstörte, der sich schließlich sogar umbrachte. John Money war sich seines Fehlers sicher bewusst und ich frage mich, was wohl die letzten zwei Jahre seines Lebens in seinem Kopf vorging, nach dem sich Bruce Reimer umgebracht hatte.
Jedenfalls hat es John Money geschafft zum Teufel in der Intersexbewegung hochsitilsiert zu werden. Er ist die Keimzelle des Bösen, quasi ein medizinischer Bin Laden. Aber für mich ergibt sich da ein Konflikt:
Wie kann es sein, dass sich Menschen, die chromsomal männlich sind, aber weiblich sozialisiert wurden, wohl fühlen und sich nicht, so wie Bruce Reimer, das Leben nehmen. Wie kann es sein, dass sich eine XY-Frau als Frau fühlt? John Money hatte unrecht. Es ist nicht möglich ohne weiteres aus einem Mann eine Frau zu machen. Die Chancen, dass es funktioniert liegen vielleicht bei 50%, vielleicht auch irgendwo ganz anders. Untersuchungen hierfür gibt es sicher nicht. Es liegt also auf der Hand, dass es besser ist, wenn das Kind am Anfang der Pupertät selber entscheiden kann, wie es leben will und von Geschlechtszuweisungen im Kindesalter abgesehen wird (Das muss ich nun wohl expliziert klarstellen).

Ehrlich, mit tut John Money leid. Er musste damit leben, dass er tausenden das Leben ruinierte und so manchen in den Selbstmord getrieben hat und dabei war er sich keiner Schuld bewusst. Er tat das, weil es es für richtig und gut hielt, weil er dachte, dass er so das Leben seiner "Patienten" in eine positive Richtung bewegen kann. Die Einsicht, dass das genaue Gegenteil eingetreten war, dass er das Leben nahm, dass alles ein fataler Irrtum gewesen ist muss doch erschlagend gewesen sein. Wie fühlt er sich wohl? Wahrscheinlich elend.
Aber das zählt für einen Funivisten nicht, denn da gibt es nur Schwarz und Weiß und Gut und Böse. Wer Fehler macht ist böse und wer zugewiesen wurde, muss unglücklich sein, denn Glück darf es für einen Aktivisten keines geben, sonst müsste er ja nicht aktiv werden.

Trackback URL:
http://livingintersex.twoday.net/stories/4352161/modTrackback

grobi. - 15. Okt, 21:23

Ein bemerkenswert guter Beitrag, lieb Inti, der zum Nachdenken anregt!!! Mich jedenfalls.

Fundis muss es einerseits geben, denn die tun einen guten Dienst. Mimosen, wie mich, muss es geben, um auf dem Boden zu bleiben. Die Grauzonen zwischen schwarz und weiß darf und soll es geben! Jetzt sollten wir ein gutes Miteinander und ein Mittelmaß finden *träum*

Mich bedrückt am meisten, dass wir untereinander zu viel mit Dreck schmeißen. "Fehler" anderer werden zu scharf kritisiert, der Zusammenhalt und das interne Verständnis fehlt gänzlich. Natürlich nehme ich mich selbst nicht aus. Nur in kleinen Gruppen schaffen wir es Toleranz zu üben. Persönliche Animositäten kochen hoch und alle hocken wieder in ihren Schmollwinkeln, obwohl keiner etwas böses wollte und sich nur Luft verschafft, oder unglücklich ausgedrückt hat, um Kräfte für den" Kampf" zu sammeln. Jene Kräfte werden dann wiederum für den internen Krieg verpulvert. Ein Eiertanz.

Jede/r von uns sollte das Recht haben, so zu leben, wie er damit klarkommt, das kann/ist/wird mannigfaltig sein. Ich denke, wir sind uns einig, dass es nicht grundlegend ist, ob jemand in der weiblich oder männlich sozialisierten Rolle lebt... Ähnliche Sorgen haben wir alle! Und das ist das WIR-Gefühl, welches uns immer verband, ein kleiner gemeinsamer Nenner.

Hach, was können wir besser machen? Jeder Versuch ist ein Schritt in die richtige Richtung.

PS. Du fehlst mir!!!! Ich werde im Jänner nicht kommen können, aber ich habe mich über Deinen Aufruf gefreut!

interlife - 16. Okt, 11:10

Vielen Dank Grobi, schön zu wissen, dass ich noch zum Nachdenken anregen kann. *g*

Das Problem ist, dass zu viele verschiedene Leute zu viele verschiedene Absichten haben weil sie zu viele verschiedene Lebensgeschichten haben und überhaupt und sowieso: Das Handeln ist permanent emotional, von der eigenen Geschichte, geprägt und alles andere als sachlich. Man kann nicht mit jemandem vernünftig diskutieren und rational Argumentieren, wenn das Gegenüber ausschließlich emotionale Argumente hat. Ein Aktivist muss seine eigenen Geschichte hinter sich lassen, nur so kann das was werden. Aber davon sind die meisten noch meilenweit entfernt. Was kümmern Ärzte wehleidige Geschichten? Man brauch Augenhöhe und dafür braucht es Sachlichkeit und Profesionalität.

Du fehlst mir auch sehr. Schade, dass du nicht kommen kannst, aber wie wäre es mit August? Da lässt sich doch sicher was machen und vielleicht komme ich ja vielleicht irgendwann wieder nach Berlin? Ich würd mich freuen.
libertas ex genesis - 15. Okt, 22:56

Ein Unvermögen nicht zugeben zu können einen Fehler begannen zu haben, stur und stolz der eigenen Überzeugung auf Gedeih und Verderb folgen zu müssen, steht wohl für den Inbegriff des Patriarchismus. Der Patriarch befindet sich ständig im Wettkampf “wer ist der Bessere“, ist angespannt setzt sich selber unter Druck. Und irgendwann bekommt er einen Herzkasper, auch das Matriarch liegt mir nicht wirklich (das kann man auch mit Aktivistenkram assoziieren), vielmehr ein ausgewogenes Verhältnis. Ist es eine Schwäche, zuzugeben eine Fehler getan zu haben?! Nein, es zeugt von Menschlichkeit (um mal diesen Diskurs von Gut und Böse zu verlassen). Es ist viel mehr wichtiger Humanist und Realist zu bleiben, als immer plus und minus, gut oder schlecht, fasch und richtig zu sein. Es gibt kein falsch und richtig, vieles davon ist Illusion und Interpretation des oft viel zu engstirnigen menschlichen Verstandes. So ich wünsche allen Menschen ein friedliches miteinander, schlaft gut und ich werde nun den letzten Liter meines ach so hoch geschätzten Weines genießen.

interlife - 16. Okt, 11:18

Warum hat er seinen Fehler Zeit seines Lebens wohl nie zugegeben...
Es ist leicht einen Fehler zuzugeben, wenn man wieder etwas gut machen kann.
Ein Beispiel: Die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus, die braune Vergangenheit, ist auch in der heutigen Politik noch ein wunder Punkt. "Warum sollen wir uns als schuldig bekennen, wir haben doch gar nichts getan, wir waren Opfer!".
In Wirklichkeit ist es eben so, dass es schwer fällt sich etwas einzugestehen, was man nicht wieder gut machen kann. Scherben kehrt man lieber unter den Teppich. So ging es auch Money.

Patriach und Matriach sind im Grunde ein und das selbe. Im Patriach sitzen die Lobbyisten und machen alle nieder, im Matriachat hast Feministen und die machen noch mehr nieder. Keines dieser beiden Systeme ist befriedigend. Schau dir doch mal die Feminsiten an, sie sind die wahren Feinde der Intersexuellen, wenn ich mich auch mal auf diese Gut/Böse schiene einlasse. Sie haben Money erst zum Moneyismus gemacht und Feministen haben sich Jahrzentelang, wenn nich auch noch heute auf Money berufen, wenn es um Gender ging.
Wir brauchen eine Gesellschaft jenseits der Geschlechter. Jenseits des Patriachats und des Matriachats, beide zielen nur auf Ausbeutung des anderen Geschlechts ab. Wir brauchen eine geschlechtsbereinigte Gesellschaft in dem jedes Individuum so viel Raum zu persönlichen Entfaltung zugestanden bekommt wie es benötigt und die Grenzen und Rechte anderer nicht permanent überschritten und missachten werden.

Huch, heute bin ich aber in fahrt.
drachenlady - 16. Okt, 10:38

off-topic: ein drawn-together-fan?? ^^;

interlife - 16. Okt, 11:19

Nein definitiv nicht. Drawn together ist meiner Meinung nach die Hirnverbrannteste Sendung seit Jahren. Was ist nur aus MTV geworden.

Lingling und Co kenne ich berufsbedingt. Meine Kundschaft battelt sich in den Pausen mit YuGiOh karten nur so dahin.
libertas ex genesis - 16. Okt, 12:34

Nein, es ist ok, bei der Geschlechtsausbeutung gibt es auch allen Grund in fahrt zu kommen.
Es gab ja mal den Gedanken Hermaphroditen in hohe Machtpositionen zu setzten, z.B. als Gerichtspräsident etc., gerade weil sie jenseits der bipolaren Geschlechtlichkeit denken können. Und von der ganzen Feministenbewegung halte ich – so wie du – rein gar nichts.
Mit dem zugeben von Fehlern ist das ja so eine Sache, in Machtpositionen kommt das wohl gar nicht vor, wer Fehler zu gibt, zeigt Schwäche, wer Schwäche zeigt hat die Position nicht verdient. Auch Money ist so ein typisches Beispiel, mit der Position die er innehatte, hat er Macht über die Geschlechtlichkeit und somit über die Zuweisung von Intersexuellen gehabt. Was das Patriarch und Matriach hast du im Grunde recht und jeder Satz hat seine Berechtigung, ich denke es liegt dann eine Form von Monopolismus vor.

Noch heute vertreten die meisten Ärzte die Meinung, dass Zweigeschlechtliche Menschen nicht über ihre Geschlechtlichkeit bestimmen dürfen. Warum? Weil sie das Zepter der Geschlechtszuweisungsindustrie nicht aus der Hand geben wollen. Ergo ist ja damit immer noch viel Kohle zu machen.

IS-ART - 22. Okt, 12:39

John Money

Möchte da gerne noch einen Kommentar dazu abgeben:
Nicht nur David Reimer nahm sich das Leben, sondern ein oder 2 Jahre zuvor auch sein Zwillingsbruder, der immer gemeinsam mit David bei Money erscheinen mussten.
Dass Money nur an der Erhaltung seiner aufgestellten Theorien (Geschlecht ist nicht angeboren sondern anerzogen) interessiert war, schildert ausgiebig das Buch
"Der Junge der als Mädchen aufwuchs" von John Colapinto.
Money war nicht willig, seine These zu wiederrufen und somit musste eine Ganze Familie dran glauben obwohl an David/Branda eindeutig zu sehen war, dass er im Unrecht war, (Damals noch Branda liess es sich nicht nehmen, im Stehen zu pinkeln, ....... ) und sah zu, wie die Geschwister zu Grunde gingen.
Das ist meiner Meinung nach nicht UNWISSENHEIT, oder GUT GEMEINT sondern EGOISMUS PUR!
Alex

nolderot - 23. Okt, 09:33

Hallo Interlife,
du magst in vielem recht haben. Jedoch ein Recht hast du nicht : Dich zurücklehnen und jene verhöhnen, die sich den A... aufreissen um diesem Wahnsinn, den genau dein armer so bemitleidenswerter J.Money angerichtet hat und noch heute anrichtet. Dies ist ein öffentlicher Blog. Auf der einen Seite profitieren wir von den Aktivitäten der ach so schlimmen Aktivsten. Ohne sie würde alles so weiterlaufen. Aktivisten mögen Ängste auslösen, aber das sind unserer Ängste, Sachen die wir nicht verarbeitet haben. Aktivisten riskieren alles, keine Revolution ohne sie. Und noch eines : Du bist längst selbst ein Aktivist. Ich freue mich darüber. Denn was in den katholischen Ländern abgeht in Sachen Vertuschung und Unterdrückung, das geht nicht mal auf meine Zwitterhaut. Mal den Gang raus nehmen, Sackgassen wieder verlassen, das ist ok. Aber die Wahrheit ist die Wahrheit. Daran änderst du nichts auf dem Berg.
Weitermachen.
interlife - 23. Okt, 10:30

Hallo Alex,

mir ging es mit meinem Beitrag ganz sicher nicht darum Money in ein positives Licht zu rücken, dass er ein depp war liegt auf der Hand. Ich wollte damit nur wieder einmal mit meiner überzogenen Art darauf hinweisen, dass Aktivismus schnell fundamentalistische Züge annehmen kann und somit vieles nicht mehr hinterfragt wird. Man fragt sich nicht, warum jemand etwas tut, man weiß die Antwort schon: Er/sie ist böse!

Zudem vertrete ich die These, dass die Feministinnen an allem Schuld sind, sie haben Money erst propagiert und eben erst diesen heute noch vorherrschenden Moneyismus eingeführt. Danke Alice Schwarzer!
interlife - 23. Okt, 10:39

Liebe Nolderot,

Keinesfalls ist es meine Absicht mich auf die Seite von John Money zu schlagen. Ich habe nur analysiert, dass es seltsam ist, dass sich CAIS - Frauen in ihrer Sozalisation scheinbar oft sehr wohl fühlen und daher anzunehmen ist, das Money einfach ein bisschen zu dick aufgetragen hat. Vielleicht gibt es Grundvoraussetzungen, die eine Erziehung in eine Richtung ermöglichen, wenn beispielsweise das Geschlecht von Geburt an äußerlich weiblich ist und nichts manipuliert wurde, so ist es möglich ein chromosomal männliches Kind weiblich zu erziehen, das spricht auch dafür Kinder nicht zuzuweisen. Das ist ein Aspekt, der vielleicht zu wenig in betracht gezogen wird. Ich schrieb ja, "Money hatte nicht recht, aber er hatte auch nicht unrecht". Das Thema ist zu sensibel, als das schwarz und weiß nur gelten dürfen. Das wäre nicht in unserem Sinne und das werfe ich den Fundiisten vor. Ich ziehe nicht den klugen, überdachten Aktivismus durch den Kakao, das unterstütze ich voll und ganz. Mein Beitrag hat sich nicht auf gewisse Personen bezogen sondern waren allgemeine Gedanken zu Intersex und Aktivismus.
lichterkoenigin - 4. Nov, 21:56

Aktivist

Eine wirklich interessante Diskussion und ich stehe dem Wort "Aktivist" auch eher zwiespältig gegenüber - verdanken wir den Aktivisten doch auch Bewegung, Bewegung hin zu einer Besserung einer Situation. Auf der anderen Seite vergessen Aktivisten mit zunehmender Aktivität und zunehmendem Eintauchen in jegliche Fachlichkeit, die Beschränktheit des Wissens auch der bestinformiertesten Menschen - und schon beginnt ein nicht ungefährlicher und separatistischer Fundamentalismus. Versetzt man sich einmal in Moneys Zeit, akzeptiert das Fehlen des Wissens um hinbiologische geschlechtliche Entwicklung, akzeptiert, dass damals wie heute wohl die meisten diesbezüglichen Hirn- und Entwicklungsmechanismen unbekannt sind, so kann man Money nur sein stures Festhalten an seinem Glauben, das Missachten des Wissensmangels etc. vorwerfen. Genau der gleichen Gefahr setzen sich aber auch heute Aktivisten aus, die aus seiner Missetat nicht gelernt haben, dass auch ihr Wissen nur begrenzt, lückenhaft und u.U. fehlerhaft sein kann.
Ich kann das Unbehagen diesen Aktivisten gegenüber verstehen - und dennoch danke ich allen, die - vielleicht auch eingedenk dieses Wissensparadoxons - den Mut und die Kraft aufbringen unser Leben ein Stückchen lebenswerter zu machen.

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