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Dienstag, 6. Juni 2006

Identitäten

Ich weiß nicht, ob es schon am Tag meiner Geburt begonnen hat oder ob es der Tag war, an dem ich im zarten Alter von 14 Jahren die Wahrheit erfahren habe. Auf jeden Fall weiß ich bis heute nicht wer oder was ich bin und diese Identitätsfindung scheint sich wohl auf ewig hinzuziehen. Ich glaube, dass diese Suche absoluter Schwachsinn ist, denn in Wirklichkeit bin ich wahrscheinlich ein Identitätsloses Wesen.
Ich wurde geboren als Mädchen im Schafspelz, als Junge, der äußerlich keiner war, als Zwitter, als Monster, als Mutant, als abtreibungswürdiges Häufchen Dreck von ein paar Zellen - aus sich der Mediziner!
Für meine Eltern war ich wohl die Gott gewollte Prüfung, die Herausforderung. Das Kreuz, das jeder im Leben zu tragen hat. Vielleicht sogar eine Strafe? Aber sie liebten mich, auch wenn sie möglicherweise Mühe damit hatten. Und sie erzogen mich als Mensch und nicht als Junge oder Mädchen, denn sie erkannten bald, dass es nicht möglich war mich als Mädchen zu erziehen. Ich weigerte mich und diese Tatsache stand im Gegensatz zur Prognose der Medizinier, die das Gegenteil vorausgesagt hatten. Erzogen sie mich vielleicht sogar intersexuell? Weder als Junge noch als Mädchen? Vielleicht sogar als nichts von beiden? Als geschlechtsloses, asexuelles Wesen? Als was sah ich mich als Kind? Ich, die auf Bäume kletterte, immer ein paar Nägel in der Hosentasche hatte und lieber mit den Buben raufte und tobte. Ich, die sich selbst fragte, was für ein komisches Mädchen ich den sei. Die anderen, die mich einen verkommenen Jungen nannten. Was war ich denn? Was fühlte ich? Ich war glücklich.

Dann die Erkenntnis, die Wahrheit, der Schlag ins Gesicht, die Tatsache: Ich war/bin/ werde ein Zwitter (sein). Ein Mensch zwischen den Geschlechtern. Intersexuell und weder Mann noch Frau. Es war wie das fehlende Teil eines Puzzles, das noch eingefügt werden musste um das vollendete Bild zu sehen. Und trotzdem weigerte ich mich anzuerkennen, dass es so war, dass ich bin was ich bin.
Was nützte mir die Liebe der anderen wenn ich mich selbst nicht liebte? Wie kann sich jemand je selbst akzeptieren, wenn man sich selbst als Krankheit wahrnimmt?
Der permanente Angszustand nagt an einem. Es veränderte mich und ich wurde zu einem paranoiden Menschen, der keinem mehr traute. Wie sollte ich auch? Konnte ich doch nicht mal auf mich selbst vertrauen. Die personifizierte Mogelpackung. Ein lebender Scherzartikel.

Doch dann begann diese Veränderung, die ich mir bis heute nicht erklären kann. Was ist passiert? War es das Alter? Das Erwachsenwerden? Waren es zum Schluss noch etwa die anderen? Die, die so sind wie ich? Es gibt auf diese Fragen keine Antwort, oder besser gesagt viele Antworten von denen keine den Anspruch erheben kann richtig zu sein.
Der Lagebericht ist wie folgt:
Die paranoide Angst schreibt auch hier immer noch mit. Auch wenn ich anderen von mir erzähle versucht sie mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Zwar ist ihre Botschaft nicht mehr so laut wie früher und ich höre nicht mehr auf sie, aber sie ist noch immer da und diese Tatsache ärgert mich. Ich will keine Angst mehr haben. Ich will wissen wer ich bin. Ist das Kapitel "Frau" abgeschlossen? Was bin ich nun? Wie fühle ich? Wenn ich ehrlich bin gehöre ich nirgends dazu. Zu keinem dieser stilisierten Geschlechter. Nicht einmal zu den Intersexuellen. Ich bin mir meine eigene Klasse. Mich zu kategorisieren funktioniert nicht. Meine Geschlechter sind viele. Meine Identitäten sind unzählbar, chaotisch und nicht gefestigt. Die Tatsache ist, dass ich nicht weiß wer ich bin und was ich bin und ich bin nicht mehr daran interessiert die Antwort zu erhalten, denn egal wie sie ausfallen würde, sie könnte nicht befriedigender sein als mein jetztiger Zustand.
Ein Zustand in dem es zumindes im Moment keine Grenzen zu geben scheint.

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