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Mittwoch, 26. April 2006

Dynamik des Fallenlassens

Die Dynamik des Bloggens ist für jemanden, der seine Anonymität wahren will ein regelrechter Drahtseilakt.
Ständig verfolgen einen paranoide Fantasien, in denen man sich vorstellt enttarnt zu werden und die Welt über einem zusammenbricht. Es ist ein permanentes aus dem Fenster des 10 Stockes lehnen mit der der ständigen Gefahr jeden Moment in die Tiefe zu stürzen.
Aber vielleicht liegt das auch weniger am Bloggen, sondern viel mehr daran, dass die jahrelang antrainirte Angewohnheit, des sich Versteckens nie ganz abgebaut werden kann. Ja, diese Angewohnheit scheint nichts psychisches sondern genetsich veranlagt zu sein und so wird auch von Zeit zu Zeit das Bloggen zu einer selbst verschuldeten Paranoidität, die früher oder später nur mit dem Sturz ins Bodenlose enden kann.
Aber wer weiß, vielleicht ist dieser Sturz ein Hochgefühl. Ein Ausstoß von Adrenalin, dessen Ende nicht voraussehbar ist.
Wir werden sehen.

Trackback URL:
http://livingintersex.twoday.net/stories/1879394/modTrackback

C. Araxe - 26. Apr, 18:18

Man überlebt es schlicht.

interlife - 26. Apr, 19:05

ach ja, sie sind also eine 'gefallene'? ;)
C. Araxe - 27. Apr, 15:59

Gefallen auf dem Feld der Ehre. Ne, ist ja Unsinn, mit Ehrerbietungen hab ich's ja oft auch nicht so.
Aber mir war schon klar als ich angefangen habe zu bloggen, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird. Und im Großen und Ganzen macht es mir auch nichts aus, wenn ich nicht anonym bin. Bei den paar Ausnahmen, bei denen ich gern meine Anonymität gewahrt hätte, ist es mir inzwischen aber auch egal.
interlife - 27. Apr, 16:30

ja da haben sie sicher recht. ist der punkt erst überschritten wird es einem egal. außerdem stelle ich mir das leben als anonyme gruselkabinettbesitzerin doch recht ungruselig vor. der grusel fängt erst mit der aufhebung der anonymität an. hui
dus - 26. Apr, 18:20

echt?

hm weil mir gehts auch so.
aber ich dachte das ist ganz "normal",
ich bleibe auch dabei, es ist menschlich.
und hat nichts mit antrainiertem verstecken zu tun. glaub ich garnicht. ich glaube bloggen ist was unnatürliches, so wie fliegen. (für den menschen) und weckt von daher urängste.
ich glaube das ist eher noch evolutionskram als psychologie :)
aber natürlich jedem die seine meinung.
lg schönen abend!

interlife - 26. Apr, 19:06

ja das kann natürlich auch gut sein.
also nur eine frage des focus.
anatomia - 26. Apr, 19:54

Ich hab auch ständig Angst, dass L (mein Freund) draufkommt, dass ich ein Blog habe. Er müsste nur im Cache des Browsers oder im Verlauf nachsehen. Hoffen wir mal, dass er das nicht tut...

interlife - 26. Apr, 20:08

ja was würde denn passieren, wenn er es herausfinden würde anatomia? wahrscheinlich genausoviel wie bei mir: NICHTS
die welt würde sich weiterdrehen als wäre nichts passiert, aber trotzdem hat man diese paranoide vorstellung des weltunterganges.
außer, sie schreiben in ihrem blog natürlich sehr läßterlich über ihren werten Herrn L. :)

aus panik hatte ich vor gar nicht all zu langer zeit sogar schon dieses blog für einige tage deaktiviert, aber wie man sieht dann mit einem tiefen atemzug das knöpfchen wieder geklickt und weitergeschrieben.
anatomia - 26. Apr, 20:50

Ich habe mein Blog ja schon einmal gewechselt, weil ich vermutet habe, dass gewisse Leute es lesen. Nein, ich glaube nicht, dass die Welt untergehen würde, wenn er es entdecken würde. Aber ich will einfach nicht, dass er zB weiß, wenn ich traurig über etwas bin. Wenn ich es ihm bewusst nicht sage, dann will ich es ja auch nicht, dass er es liest.
mumes - 27. Apr, 15:48

Ich hab auch mal gebloggt, die Page aber dann wieder gelöscht, weil ich die Panik nicht los wurde, daß den Quatsch jemand lesen könnte, der mich kennt/erkennt? Und nun überleg ich schon seit einiger Zeit, wieder damit anzufangen. Eigentlich könnte ich mir ja auch ein Tagebuch schnappen, aber das passt nicht. Das ist so tot, obwohl ich ja früher mal mit Hingabe seitenweise leere Blätter bearbeitet hab. Mir kam auch schon der Gedanke, ob es sich um seelischen Exhibitionismus handeln könnte. Kann aber nicht sein, weil dann müsste ich ja auch Paras entwickeln und mit Reissverschluss am Mund rumlaufen, wenn ich an einer Bushaltestelle oder in einer Menschenmenge mit jemandem über Privates rede.

Wahrscheinlich kann ich vor einer Internetseite und somit vor mir nicht so schnell weglaufen.

Oder? Wer will sich schon meine irre Gedanken- und Gefühlswelt anhören; ganz ehrlich, ich will es auch niemandem zumuten. Also ins Netz damit. Es muß mal raus und braucht ja nur der zu lesen, der es aushält.

mumes - 27. Apr, 16:02

Oder in sich reinfallen und dabei wenigstens EINMAL IM LEBEN GESEHEN werden.
interlife - 27. Apr, 16:44

hallo mumes

Ein gewisser Hang zum seelischen Exhibitionismus ist sicher eine Voraussetzung fürs Bloggen. Es kommt immer drauf an wie man dieses Medium nutzen will und da gibt es ja bekanntlich genug. Es gibt wenige Blogs, die ich wirklich verabscheuungswürdig finde und das sind:
- Tokio Hotel Fanblogs von 14 jährigen Gören
- Sexblogs und
- Blogs deren Autoren im Schnitt Beiträge mit 3 Worten erstellen. (Dada ist tod!)

Und geht es beim Bloggen wirklich darum anderen seine Gedanken und Gefühlswelt zuzumuten? Nein, jeder kann selbst entscheiden ob er lesen will oder nicht. Ich zum Beispiel schreibe sicher nicht um der Welt mein Herz auszuschütten, auch wenn es manchmal den Anschein haben mag. Hier geht es vielmehr um Aufarbeitung und festhalten von Gedankensträngen die es vielleich wert sind weiterverfolgt zu werden.
Wie gesagt: Eine sehr dynamische Angelegenheit.
Einmal gesehen werden? Nein, die Blogger die ich kenne sind eigentlich keine Menschen, die sich im Kämmerlein einsperren, sonst könnten sie wohl nicht jeden Tag auf's neue spannende und mitreißende Beiträge verfassen.

Anfänglich war es mein Ziel den Leuten zu zeigen, dass ein intersexueller Mensch keine Perversität ist sondern ein normaler mensch mit alltäglichen Problemen, aber dieses Ziel habe ich vor langer Zeit aus den Augen verloren. Man bloggt was kommt.
C. Araxe - 27. Apr, 17:01

Im Großen und Ganzen kann ich Ihnen zustimmen, was den Sinn und Unsinn des Bloggens betrifft. Aber ...

Dada ist nicht tot. Zumindest schätze ich alle Wiederbelebungsversuche.

Und bisher dachte ich, Sie hätten etwas Gefallen am Gruselkabinett gefunden. Ts, so kann man sich irren.
Denn meistens bin ich in meinem (Arbeits-)Kämmerlein eingesperrt. Mich stört das allerdings nicht so sehr, denn ... die Gedanken sind frei. Oder bemühen sich jedenfalls darum.
interlife - 27. Apr, 17:51

im fadenkreuz der frau araxe!

nein, dada sollte nicht tod sein, zumindest bin auch ich (ganz insgeheim) anhängerin der sinnlosenvereinigung um dem sinn wieder mit unsinn sinn zu geben. äh? aber seit ich gesehen habe, was aus dem cabaret voiltaire in zürich geworden ist habe ich die überzeugung, dass dada noch ne chance hat, zu grabe getragen.

und ich dachte doch wirklich, dass ihr gruseliger arbeitsplatz nicht ihre hauptarbeitsstelle ist. haben sie etwa einen pförtner angestellt, damit sie noch mehr auf twoday rumhängen können?
C. Araxe - 27. Apr, 18:15

Doch, doch. Genau dort sitze ich Tag für Tag und oft Abend für Abend und manchmal Nacht für Nacht. Ich arbeite ja von zu Hause aus, was viele erst einmal neidvoll wahrnehmen, aber trotz der Vorteile, die man mit solchen Gegebenheiten hat, hat man auch viele Nachteile. Zum einen gehört doch recht viel Disziplin dazu, zum anderen ist es nicht so, dass man seinen Arbeitsplatz zu einem mehr oder weniger feststehenden Zeitpunkt verlässt und dann Feierabend hat. Ich komme zwar ab und zu etwas nach draußen, aber meist bin ich doch durchs kleine Monster ans Gruselkabinett gebunden, also gerade was die Abende oder Nächte betrifft. Nun ja, und tagsüber halt arbeiten oder eben auch zu anderen Zeiten. Und wenn man dann am Rechner sitzen muss, macht man dann doch öfters mal Besuche bei twoday.net oder sonstwo in den Weiten des Internets. Aber inzwischen bin ich etwas beweglicher geworden innerhalb des Gruselkabinetts. Zum Arbeiten nutze ich zwar doch meist das fensterlose Arbeitszimmer, aber Dank mittlererweile zugelegtem Laptop sitze ich jetzt gerade auf dem Sofa und genieße die Abendsonne und den Anblick der knospenden Esche, bei der ich nach wie vor überglücklich bin, dass ich das auch weiterhin tun kann.
mumes - 27. Apr, 18:43

Gut, damit kann ich leben... Dann betrachte ich das Ganze mal als ein Hauch von Exhibiherausmuss, der wohl doch lebensrettend (dank Adrenalin) und konstruktiv sein muß. Fehlt mir ja nicht umsonst:) Aber meine Vorstellung von - nackt auf der Tribüne eines Marktplatzes vor 20.000 Leuten freiwillig aushalten, Blicke gratis - war wohl doch nicht ganz abwegig.

Sortiersurvival würde besser passen... Hm, aber Normales bloggen, diesen ganz normalen Wahnsinn, ist doch normal?! Dann wäre ja da schon mal dieser Extrastatus aufgehoben, find ich...

C. Araxe - 27. Apr, 19:20

Was normal ist, liegt im Auge des Betrachters. So können die Sachen, die man als normal empfindet bei anderen den Horizont erweitern, wenn sie denn offen sind, Neues wahrzunehmen und nicht von vornherein ablehnen. Und selbst Banalitäten, die es auch bleiben wie auch immer man sie wendet, können einen Unterhaltungswert haben, wenn man sie entsprechend beschreibt. Auch so etwas hat seinen Wert und wenn es nur ein Schmunzeln ist, was man nicht unterschätzen sollte. Und was bringt es letztendlich, wenn man das bloggt, für das man dann doch eher einen richtigen Ansprechpartner brauchen würde? Man hat es sich von der Seele geschrieben, ja gut. Und dann, ja dann bekommt man Kommentare von Leuten, die meinen, einen verstehen zu können, aber es bleiben meist Fremde. Das kann sehr förderlich sein, wenn man das Bad im Selbstmitleid liebt, aber ob einem das wirklich hilft, bezweifle ich. Für manche Situationen kann das hilfreich sein, um zu reflektieren, wo man selbst überhaupt steht, aber es ersetzt doch nie ein richtiges Gespräch.

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