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Montag, 16. Oktober 2006

Diagnose: F40.2 - Arztphobie

Es ist doch immer wieder das selbe:
Morgens wachte ich auf und mein Kreislauf blieb einfach liegen. Schwindel, Übelkeit und Bauchschmerzen. Kopfschmerzen und pochende Zahnschmerzen: Interlife hat einen Arzttermin und auch wenn ich nicht festgeschnallt werde und 20 Ärzte an mir herumfummeln sterbe ich jedes Mals fast vor Anst. Auch wenn ich nur ein Rezept abhole und noch eine viertel Stunde Mitamnesiere.
Den Vormittag verbrachte ich zum Großteil damit, dass ich in die Kloschüssel starte und krampfhaft würgte was das Zeug hält. Aber das brachte auch nicht. Ich musste heute einfach nach Bregenz fahren. Ach, wie ich Bregenz hasse... dieses ganze Wasser im See und diese Wasservögel und diese Seepromenade und diese geordneten und gepflegten Pflanzen an der Seepromenade. Nein, Bregenz ist kein Ort an dem ich mich Wohlfüllen könnte. Bregenz ist nicht authentisch sondern fein rausgeputzt und falsch. Und egal wie sauber sie ihre Promenade auch machen: Obdachlose, die nachmittags um zwei sturzbetrunken auf der Straße singen gibt es da auch. Da ist mir das weniger gepflegte Reichenfeld mit der musikalischen Horroruntermalung des Konservatoriums tausendmal lieber. Da gibt's aich keine Bäume und Pflänzchen in Rei und Glied und vor allem gibt es keinen See.

So, wo war ich... ach ja, ich wollte von meinem Besuch bei Dr. V. erzählen.
Ich hab eine riesen Tube Östrogel bekommen. Estrogel nennt sich das Zeug und es schwindelt keinen Zyklus vor. Trotzdem scheint es mir, dass es Medizinern im allgemeinen an Weitblick mangelt. Auch heute musste ich wieder klarstellen, weshalb Östrogen bei mir nicht wirklich wirken kann und weshalb Testosteron doch so wunderbar ist. Scheinbar hat kein einziger Arzt in Endokrinologie so richtig aufgepasst. Ist ja auch wirklich staubtrocken und kompliziert wie die Sau, aber dafür hat er ja mich, die ihn immer wieder unterbricht und ihn verbessert.
Aber so wirklich frech bin ich noch nicht. Meine Arztphobie ist einfach nicht zu überwinden und auch heute hat sie mir wieder gezeigt, wie tief diese Ängste, die vor allem aus den .enschenverachtenden Untersuchungen in meiner Kindheit resultieren, sitzen und mein Unterbewusstsein fest unter Kontrolle halten. Aber über kurz oder lang kann das so nicht weitergehen. Ich werde mir jetzt Arztserien bis zum Abwinken reinziehen und diese Angst so versuchen zu überwinden. Erfolg garantiert.

Hoffentlich startet die Studie fürs Testosteron bald, dann bekomme ich endlich was mir zusteht.

Eine Knochendichtsuntersuchung habe ich heute auch noch aufgedrückt bekommen um schöne vorher/nachher Werte zu bekommen. Also diesmal zum Radiologen und versuchen die Arztphobie zu überwinden. Der Zahnarzt wäre auch schon längst überfällig. Mein eitender Weißheitszahn ist nicht mehr auszuhalten, aber wenn ich nur schon daran denke.... WUAAA, obwohl, die wollen ja nur in den Mund schauen, das ist ja noch erträglich.

Interessant war auch, wie ich mich heute veränderte. Vollkommen gebückt und zurückhaltend begegnete ich heute den Menschen. Grüßen auf der Straße funktionierte schon gar nicht, denn meine Stimme versagte ständig. Zwar bewegten sich meine Lippen, aber es kam kein Ton heraus. So gab ich das Grüßen irgenwann auf und rannte mit grimmiger Miene durch die Gegend.
Seltsam, was alles mit einem passieren kann und wie schlecht ich solche Situationen kontrollieren kann. Ich verliere die Kontrolle und falle in alte Verhaltensmuster zurück, dich auf Östrogen früher oft zeigte. Hoffentlich ist das mit diesem Präperat nicht so und wenn doch werde ich es sofort absetzten. Vielleicht ist diese Demutshaltung aber auch typisch weiblich? (man erschlage mich) Irgendwo in Psychologie habe ich das doch mal gehört. Aber egal, ab morgen wird wieder geschmiert und falls ich zur verweichlichten Supertussie mutiere werde ich das Zeug einfach absetzten.

Das Herz pocht noch immer wie wild und auch der Rest des Körpers pocht und schmerzt. So an Schaß! Das war ein wirklich hartet Tag für mich. Was nun?

Isolation

Langsam und bedacht laufe ich die grauen Straßen dieser grauen Stadt entlang. Es gibt keine Sonne und keine Nacht. Nur schwarze Wolken und schmutzigen Regen. Meine Kleidung ist schwer von der Nässe und klebt kalt an meinem Körper, doch es gibt keinen Grund und keine Möglichkeit an diesem Zustand etwas zu ändern. Hinter den Fenstern der grauen Gebäude brennt Licht. Schatten lassen erahnen, was sich dahinter abspielt. Nein, sie stehen am Fenster, starren auf mich herab. Ich starre zu Boden. Lasse nicht zu, dass es zu einer Kontaktaufnahme kommt. Hinter den Fenstern ist Licht, Wärme und vielleicht auch ein Stückchen Geborgenheit zu haben. Doch ich lasse es nicht zu. Laufe druchnässt und kalt weiter durch die grauen Gassen der grauen Stadt mit dem grauen Himmel. Hinter den Schaufensterscheiben der leerstehenden Geschäften stehen Menschen. Sie drücken ihr Gesicht gegen die Scheibe, als würden sie nicht erkennen, was sich auf der Straße abspielt. Sie starren, starren mich an und sprechen. Doch ich höre sie nicht. Zu dick das Glas, zu laut das Prasseln des Regens. Kein Ton, kein Geräusch und prasselnde Monotonie.
Für den Bruchteil einer Sekunde scheine ich das Bedürfnis zu haben einzutreten, doch dann ist dieser Gedanke schon wieder verflogen und vergessen. Zurück bleibt nur ein Gefühl und ein Trugbild und beides scheint in diesem Moment nicht zu deuten. Stattdessen geht der Kreis weiter und der Regen fällt in seinen geregelten Bahnen vom schwarzen Himmel auf die graue Staße und tränkt meine vollgesogene Kleidung, die nass und kalt an meinem bleichen Körper klebt. Hinter den Fenstern im wärmenden Licht stehen die mir gutgesinnten Menschen und warten auf ein Zeichen. Warten auf das Klopfen und wollen genauso wenig Initiative ergreifen wie ich. Denn es ist kalt und nass und grau. Und ich ergreife sie auch nicht. Stattdessen wundere ich mich über das Wetter und träume von verwaschenen Farben, die nur in der Fantasie existieren und real sind, wenn ich es wollen würde.
Aber ich will nicht, denn ich weiß nicht.

Living Intersex?!

Zwischen weiblich und männlich liegt die Unendlichkeit!

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