Samstag, 2. Juli 2005

Das ist es....

Es ist schön, dieses Leben leben zu dürfen.


Placebo singt Twenty Years
Interlife die Gegendenstromschwimmerin.

Kaltes Wasser macht mich männlich

Nun ja, jetzt kommt noch der ominöse Beitrag zu meiner ominösen Diagnose, die doch recht interessant ist.

Vor ab muss ich generell etwas zu intersexuellen Syndromen sagen:
Ein und derselbe Gen-defekt kann bei unterschiedlichen Individuen zu komplett verschiedenen Ausführungen führen. Zum Beispiel können in einer Familie drei Kinder genau denselben Gen-defekt haben, aber die individuelle körperliche Auswirkung kann komplett verschieden sein.

Bei mir ist es so:
Du Mutation veränderte die viertletzte Aminosäure des Androgenrezeptors. Dies führte dazu dass ein Phenylalanin Codon in ein Leucin Codon umgewandelt wurde. Basta. So schnell geht es und man ist intersexuell. Könnte eigentlich fast jedem passieren. *g*

Das wahrscheinlich interessanteste ist aber, dass ich einen Temperatur abhängigen Rezeptordefekt habe. Tests ergaben, dass der Androgenrezeptor nur bei Körpertemperatur nicht arbeitet, allerdings bei normaler Zimmertemperatur sehr wohl auf Testosteron anspricht.
Auch die Menge von Testosteron spielt eine wichtige Rolle. Ist der Testosteronspiegel sehr gering, arbeitet der Rezeptor noch, steigt er an, arbeitet er nicht mehr.

Auf gut Deutsch: Mein Rezeptor funktioniert nicht, außer ich würde im Winter in einen See fallen und meine Körpertemperatur würde auf 20 Grad fallen, dann würde ich innerhalb von wenigen Sekunden komplett vermännlichen, doch auch das würde ich nicht mehr erleben, weil ich kurz darauf dem Erfrierungstod erliegen würde.

Ach tut das gut, endlich zu wissen wo man steht.

Tod einer Maus

Erst jetzt bin ich fähig über die heutigen Geschenisse Resume zu ziehen.
Alles in allem war es doch ein sehr positiver Tag. Ich habe meine Befunde in der Hand und eine Diagnose mit der ich jetzt etwas anfangen kann.
So verlief mein Tag:
Morgens um sechs krabbelte ich aus dem Bett und seltsamer Weise war mir weder mulmig noch übel zu Mute.
Sogar ein ordentliches Frühstück ging wie Butter hinunter. Interlifes Kampfgeister waren zum Leben erwacht und ich wusste, dass viele meiner Freunde heute in Gedanken bei mir sein würde. Dieser Gedanke gab mir unheimlich viel Kraft. Danke euch allen, auf euch kann ich bauen!
Am Bahnhof angekommen finde ich erstmal den Bahnsteig nicht, da alles umgebaut wird und auf einmal stehe ich in Mitten von lauter Bauhütten... peinlich peinlich.
Zwei Stunden Zugfahrt liegen vor mir, die ich sinnvoll nutzen will. Seite für Seite kämpfe ich das Psychologie Skriptum durch, aber eine Stunde später stellt sich dann doch die Nervosität ein und ein Lernen wird unmöglich. Außerdem sitzt neben mir im Abteil ein junger Mann der ständig rülpst, rotzt und furzt. Die alte Dame und tauschen vielsagende Blicke aus. Was sind den das bitte für Manieren? Und erst recht in einem geschlossenen Abteil!
In Innsbruck angekommen habe ich noch ein einhalb Stunden Zeit zur Humangenetik zu finden. Igendwie habe ich mir das leichter vorgestellt. Der Portier der Uniklinik ist nicht wirklich hilfreich und so verlaufe ich mich hoffnungslos in der "Großstadt" (Interlife das Landei), doch die Sekretärin von der Humangentik rettet mich dann und lotst mich doch noch zum richtingen Gebäude.
Mann muss nur dem Geruch der Verwessung folgen, denn die Patologie liegt direkt daneben.
In der Humangenetik werde ich freundlich empfangen und angemeldet. Im Wartezimmer ist ein junges Paar mit ihrem etwa 4 Monate alten Baby. Es hat einen stark deformierten Schädel und trägt noch dazu schon eine Brille die dicker ist als die von Interlife-Blindfisch. Eine traurige Sache.... und ich verkopfe mich so wegen meiner Intersexualität....
Frau Dr. U. kommt. Lächelt mich an. Führt mich ins Besprechungszimmer.
Zum ersten Mal treffe ich auf eine kompetente Ärztin die eine Ahnung von der Materie hat. Genau erklärt sie mir sämtliche Befunde und was es damit auf sich hat. Etwa eine halbe Stunde reden wir sogar ganz allgemein über Intersexualität. Dr. U. ist kompetent, sie kennt sich aus, sie ist bemüht mir zu helfen, es ist ihr ein Anliegen. Ich habe ein super Gefühl.
Sie setzt sich an das Telefon und versucht auf der Gyn. Ambulanz einen ganz kurzfristigen Termin zu vereinbaren, damit auch gleich ein Hormonrezept bekomme. Es funktioniert und sie drückt mir die Überweisung in die Hand. Wir bleiben in Kontakt, alles läuft super.
Voller Elan trabbe ich in die Gyn. Ambulanz, melde mich wieder an (diesmal dauert es etwas länger, denn anscheinend hat ganz Tirol einen gynokologischen Notfall) und komme auch inherhalb von zehn Minuten dran. Die Bösen Blicke der Patienten löchern mich...
Dr. S. begrüßt mich freundlich. Ich erkäre ihr, dass ich gerne Testosteron nehmen würde, aber sie runzelt nur die Stirn.
"Wissen sie, dass das zu Komplikationen führen kann?"
"Das höre ich ehrlich gesagt zum ersten Mal, was für Komplikationen sprechen sie da an?"
"Das ist nicht so einfach.... ihre Vagina könnte sich verändern"
"Tut mir leid, aber haben sie sich den Befund der vor ihnen lieg schon angesehen? Ich habe eine komplette Androgen Insuffizienz."
"Ja, ich muss sie aber trotzdem untersuchen."
Von da an wird Interlife unangenehm, denn wie sich im Laufe des Gespräches herausstellt, sei es Regel des Hauses keine Hormone ohne Untersuchung zu verschreiben, aber zwischen den Worten hört man heraus, dass es ihr nur darum geht, sich zu überzeugen, ob mein Genital vermännlicht ist oder nicht. Dies Auswirkungen eines kompletten Androgen Rezeptor Defektes sind der guten Frau Dr. S. anscheinen unbekannt.
Interlife hat heute aber keine Lust auf Doktorspielchen und so fangen Patientin und Gott in Weiß an sehr heftig zu Disskutieren und Intelife stellt die Kompetenzen von Gott in Frage. Uhhhh, ein wunder Punkt! Es entsteht ein Steit, die Schwester die anwesend ist schaut irritiert im Besprechungszimmer herum und bekommt schon ganz rote Ohren. Ich bin rasend vor Zorn, würde ihr am liebsten die ganze verdammte Akte um die Ohren hauen. So ignorant, dämmlich und inkompetent kann ein Arzt doch gar nicht sein.
Von einer Schwester lasse ich mir noch 4 Kanülen Blut aussaugen und dann verschwinde ich ab durch die Mitte.
Voller Zorn, ohne Rezept und mit Tränen in den Augen trample ich die Maximilianstraße zum Bahnhof hinunter. Rauche was das Zeug hält und schreibe Rieke (danke dir, du bist ein Schatz) ein SMS ("Ärzte sind einfach Idioten!").
Im Zug beruhige ich mich langsam wieder. Die Migränge überfällt mich - typisch. Auf der Heimfahr durch das heilige Land wird mir klar, dass man bei so engen Tälern nur engstirnig sein kann.

Es war ein Wunsch mit einem Rezept nach Hause zu kommen, aber jetzt habe ich mal meine Diagnose. Ein weiter Schritt! Die Hormone besorge ich mir bei meiner Gyn, wenn die Therapieempfehlung von Dr. dämlich S. kommt und dann passt fürs erste mal wieder alles.

Zu meiner Diagnose komme ich heute Nacht nicht mehr. Die Müdigkeit zwingt auch mich in die Knie.


Als ich vorhin mit meinen Freunden noch einen drauf gemacht habe, ist etwas furchtbares passiert. Auf einmal stand sie auf der Straße. Hysterisch, panisch und starr vor Todesangst blickte sie noch in die Scheinwerfer. Ein Rumpler und platt war sie... die kleine Maus, die einfach nicht mehr leben wollte.... That's life!

Living Intersex?!

Zwischen weiblich und männlich liegt die Unendlichkeit!

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