Montag, 24. März 2008

Aufrecht.

Irgendwann wurde es einfach langweilig intersexuell zu sein. Es hatte sich irgendwie totdiskutiert, denn es war immer nur das selbe: Die Medizin und die Gesellschaft waren an allem schuld. An meiner Kastration, an meiner Hormonbehandlung, die mich zum Freak mutieren ließ, an dem verkakten Leben mancher Leidensgenossen, deren jegliche solziale Überlebensgurndlage zerstört worden war. Alles war durch und durch negativ, doch ich wollte das Leben genießen (ja, ein sehr egoistischer Gedanke), wollte alles Positive, dass mir das Leben zu bieten hatte auskosten, bis zum letzten Tropfen. Das tat ich auch, noch immer.

Jetzt kann ich darüber berichten, wie positiv sich meine Zwischengeschlechtlichkeit auf mein Leben ausgewirkt hat. Ich habe viele wunderbare Menschen kennen gelernt, die ich nicht mehr missen möchte. Habe gelernt Liebe zuzulassen, selbst zu lieben. Ohne Zweifel, ohne Angst, bedinungslos, selbstlos. Kann mich fallen lassen und bin kein erbarmungsloser kleiner Zwerg mehr. Es hat sich alles zum Guten gewendet und es kam ganz plötzlich, ohne Ankündigung. Einfach so.

Und so habe ich mir meine Gedanken zur Zwischengeschlechtlichkeit gemacht, die ich heute all jenen mit auf den Weg geben möchten, die von ihrer Angst zerfressen werden, jenen, die diese Geschichte tief in sich vergraben haben un jeder Gedanke daran tief in der Seele schmerzt. Jenen, denen es zu schwer fällt sich damit auseinander zu setzten und jenen, die vom Leben, von der Medizin und von der Gesellschaft gepeinigt und gedemütigt wurden und glauben, dass dies der ganz normale Wahnsinn sei.

Ja, es ist hart und ja, es schmerzt tief in der Seele. Oft ist es das anders sein und der größte Wunsch, normal zu sein, so wie die anderen, ist unerreichbar.
Manchmal glaubt man einen bösen Traum zu träumen aus dem man einfach nicht erwachen kann. Das Gefühl, dass alle das doch gar nicht wirklich passieren ist permanent präsent. Schon am Morgen, nach dem Aufwachen fragt man sich, wann dieser grausame Traum endlich sein Ende nimmt.

Ich habe all das durchgemacht. Stand an der Kippe zwischen Leben und Tod, hatte dann aber doch nie den Mut, war zu gespannt, was mich hinter der nächsten Ecke erwartet. War wütend und zornig, auf mich, projezierte diese Wut auf andere. Kanalisierte sie im Schreiben. Arbeitete auf, arbeitete an mir, kämpfte für mein kleines Leben und erkannte eines Tages, dass auch ich ein wertvoller Mensch bin, der Leben darf und soll.
Und dann geschah dass unfassbare. Ganz unerwartet tat es nicht mehr weh, ich richtete mich auf, und stand aufrecht und mit erhobenem Kopf da und war jemand. Jemand der wahrgenommen und erstgenommen wird in seinem sein.

Es ist möglich als intersexueller Mensch glücklich zu sein, ein erfülltes Leben zu führen. Ein normales Leben zu führen ohne zu verdränen und doch ohne permanent von seiner Anderasrtigkeit verfolgt zu werden. Irgendwann spielt es keine Rolle mehr, irgendwann tut es nicht mehr weh. Es ist einfach nur schön zu sein.
Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass dies jeder schaffen kann. Es braucht nur Zeit, Ausdauer und den Willen sich selbst zu stellen.
Aufrecht und ohne Angst vor dem was kommt.

Donnerstag, 28. Februar 2008

Selbstwahrnehmung

Ich bemerke, dass ich im letzten halben Jahr ein Stück weitergekommen bin. Oder soll ich doch besser "es hat sich etwas geändert" sagen.
Weiblich sein heißt für mich schminken, BH tragen, feminine Kleidung tragen, hohe Schuhe lieben, einmal im Monat bluten und immer furchtbar weibisch emotional-hysterisch sein. Ja, das ist das Bild, dass mir Frauen Zeit meines Lebens vermittelt haben. Das ist das Bild, dass ich selber versucht habe zu erfüllen. Erfüllen? Ansatzweise. Jedenfalls habe ich vor langer Zeit mir Wimperntusche experimentiert und über Jahre einen BH getragen (der funktionell gesehen jedoch völlig unnütz war). Alles andere lag mir immer sehr fremd. Lange getraute ich mich keine "männliche" Kleidung zu tragen, es wäre ja vielleicht zu offensichtlich, dass ich keine Frau bin (man beachte dieses Paradoxon), dachte mir, dass mich die Leute dann für eine Transsexuelle halten und ich verspottet werde. Schlimmer als intersexuell zu sein war nämlich der Gedanke, dass ich für transsexuell gehalten werde, das wäre dann eine Art offenes Tabu, also das genaue Gegentleil von Intersexualität. Und doch ging es die ganze Zeit über nur um das Ignorieren des Offensichtlichen, meine offensichtliche Intersexualität, die ins Auge sticht. Heute sehe ich selber in den Spiegel, bemerke, dass das Weiche in meinem Gesicht verschwindet und statt dessen kantige Gesichtszüge hervortreten. Mein Haar ist kurz und ungestylt, nach drei Stunden nervenaufreibender Arbeit am Computer sehe ich aus wie Mogli nach dem Waldbrand. ES IST MIR EGAL. Auch den BH, die Maske der auferlegten Weiblichkeit, trage ich nicht mehr, wozu auch - er hat ja keine Funktion. Jahrelang hatte ich einen regelrechten BH-Zwang. Konnte ohne gar nicht auf die Straße gehen, weil ich mich nackt fühlte. Ich musste mich ausstopfen um Frau zu sein. Was für verrückte Zeiten.
Ich werde immer mehr zum Zwitter, doch umso mehr sich mein Äußerliches zu wandeln scheint, desto weniger fühle ich mich als solcher. Nehme meine Geschlechtlichkeit (Gender) nicht mehr war und wenn, dann nicht als Zwitter oder Frau, sondern als Kerl. Ich kann nicht anders als wie ein Gorilla laufen, mein Habitus ist definitv kein weiblicher. Ja, ich beschreibe mich schon wieder selbst und ja, das ist ziemlich bescheuert, aber die letzten Tagen kam mir einfach die Erkenntnis, dass sich meine Selbstwahrnehmung doch wieder sehr gewandelt hat. Die ist nämlich nicht fix, sondern wirklich sehr variabel. Eben irgendwo zwischen männlich und weiblich, aber es ist klar, wo das ganze hinlaufen würde, wenn es möglich wäre und ich denke, dass die nächsten Jahre meines Lebens mit der Arbeit verbunden sein werden, dass ich akzeptieren muss, dass ich als XY-Frau so bin wie ich bin und sich daran rein gar nichts ändern lässt. Eines Tages werde ich das akzeptieren können, doch heute ist noch nicht der Tag dafür.

Dienstag, 1. Januar 2008

Der Anfang war der Tod der Verleumdnung

Es ist mal wieder soweit. Geheimnisse, Halbwahrheiten und Notlügen haben Überhand genommen und in mir schwielt die Aggression, Ärger über sich selbst und die Wut sich selbst zu verleugnen.
2008 begann nicht wie geplant. Um halb zwölf kam es, dieses Gefühl etwas Unrechtes getan zu haben, besser gesagt zu tun. Was ist falsch daran einen Menschen zu lieben? Weshalb fürchte ich mich so davor zu mir und zu meiner Liebe zu stehen? Gibt es überhaupt einen Grund? Um Missverständnisse auszuräumen: Es geht um meine Familie. Familiengeheimnisse.
Man kommt auf die Welt und wird nicht so angenommen wie man ist. Hält den Finger vor verschlossene Lippen, zieht eine ernste Miene und sagt PSST. So geht es weiter. Ein versehentliches Wort vor Bekannten; ein ermahnender Blick; Halt die Klappe kleines, keiner darf wissen was mit dir ist. Du bist die Familieninterne Freakshow, doch keiner darf es wissen.
So wird geschwiegen und eines Tages scheint es so, als wäre nie etwas gewesen. Das Leben verläuft in ruhigen Bahnen. Man tut so, als hätte man darüber geredet. Als wäre das Familiengeheimnis kein Geheimnis mehr. Es wird darüber gesprochen um nicht mehr darüber sprechen zu müssen. Ein erkaufter, unsicherer Frieden auf Zeit. Wie unsicher kann die Zukunft sein? Ist das Geheimnis auch wirklich gut verschnürt in den Köpfen der anderen verdrängt?
Und dann passiert etwas. Das Leben beginnt in den Adern zu pulsieren. Eine neue Lebensenergie keimt auf und beginnt Wurzeln zu schlagen. Man wird eigenständig, kappselt sich ab und versucht das zu tun was jeder irgendwann macht und als "Freiheit" definiert: Man schafft Distanz zwischen sich und seiner Familie. Doch die Familiengeheimnisse bleiben bestehen und beeinflussen einen weiter. In allem was man tut schwingt die Angst mit etwas zu tun, was falsch sein könnte. Etwas zu tun was das wohl gehütete Vermächtnis der Freakshow offenbaren könnte.
Lügen und Halbwahrheiten müssen wieder herhalten, wenn das eigene Leben der eigennen Familie nicht als zumutbar erscheint? Nicht zumutbar? Mit Recht: Was kümmert es mich ob mein Leben anderen gegenüber zumutbar ist. Es ist wie es ist: Das Geheimniss ist so groß, so in den Köpfen aller beteiligter verankert. Die Geheimhaltung hat auch heute noch immer so eine Priorität, dass mein Leben permenant davon beeinflusst wird. Wir kann ich mir, meinem Leben, meiner Liebe so eine Chance geben? Es gibt nur eins: Der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Sich dem unvermeindlichen Stellen. Mit allen Konsequenzen, auch wenn das schon längst überfällige Offenbart wird und eine heile (Schein-)Welt zusammenbrechen mag.
Keine Rechtvertigungen mehr
Keine Verleumdnungen mehr
Keine Halbwahrheiten und keine Notlügen
100 % ich
1000% Leben

Dienstag, 18. Dezember 2007

Erstes Jahresgedächtnis

Nach einem Jahre T,
zieh ich heut mal wieder Resumé,
denn Schwabel und Hitzewallung sind längst passé
(Hach, das reimt sich ja!)

Körperlich, ach welch Wunder bei CAIS, hat sich nicht die Bohne getan. Der blonde Bart ist so rar und so unauffällig und so nicht existent, dass er nicht zählt. Wohl aber zählen die 10 Kilo, die ich nun weniger mit mir rumschleppe. Nur noch fünf, dann bin ich wieder fettfrei, ein Lightprodukt sozusagen. Testosteron ist also DER Fettburner und die Haut straft sich wunderbar. Yea ich bin so was von sexy! *räusper*

Seelisch bin ich ausgeglichener und ruhiger. Meine Niederlagen hab ich gut weggesteckt. Meine wunderbare Melancholie (meine Muse) ist mir abhanden gekommen. Dieses "ich ruhe in mir selbst" ist so was von fad, ich sollte das Testosteron wieder absetzten und mit Östrogen anfangen. Dann wär mal wieder ein bissche Würze im Alltag. So nach dem Moto "Selbstmitleid fressen Depression auf" oder "Ich verstümmle mich nun selbst und schneide mir die Zehennägel". Jaja, mir geht es viel zu gut und daran ist nicht nur das T schuld.

Also nach einem Jahr kann ich nur sagen, dass es mir blendend geht. Zuvor legte ich exponential (Steigerungsquotient = 10^5) Gewicht zu, wurde von Hitzewallungen geplagt und war psychisch so instabil wie Plutonium vor der Kernschmelze.

So, genug der Werbung.

Sonntag, 25. November 2007

...

Wie abgeschlossen kann eine abgeschlossene Geschichte wie die diese eigentlich sein?
Ich spiele mit dem Gedanken der ganzen Sache den Rücken zu zuwenden und die Fliege zu machen. Intersexualität ist heute noch mehr in den Hintergrund gerückt als sonst. Da ist jetzt wirklich gar nichts mehr was drückt. Gar nichts. Ich mag mich, diesen Körper, diese Chromosomen und diesen Menschen, der ich sein soll. Ich kann in den Spiegel blicken und sagen: He, das bin ich und das ist gut so. Ich kann über die Unmöglichkeit Mann zu sein sinnieren ohne dass es schmerzt. Ich fühle mich Jenseits der Geschlechter, ich fühle mich als Mensch. Geschlechtslos?
Geschlecht spielt schon lange keine Rolle mehr für mich. Auch wenn ich Hormone und Pheromone in Tonnen produziere/zuführe, fühle ich mich deswegen nicht männlicher oder weiblicher. Es scheint ganz so, als hätte ich meine Befreiung außerhalb des Bipolaren gefunden. Nein, nicht im dritten Geschlecht, nicht als intersexueller Mensch, außerhalb dieser ganzen Normiererei. Kein Graubereich, keine verschwomme Zone, sondern außerhalb dieses ganzen Denkens. Ich bin keine Gruppe. Da wo ich stehe, spielt all das keine Rolle mehr. Der Geschlechterhimmel sozusagen. *g*
Und so ist es wohl verständlich, dass ich mich gerne aus deisem ganzen Intersexkram zurückziehen möchte, doch das ist wohl nicht so leicht, immerhin habe ich mir die letzten Jahre so einiges an Arbeit angetan, die ich heute wohl nicht mehr so einfach los werde. Es wäre schön zu sagen: "Könnte das bitte jemand übernehmen, ich mag nicht mehr", aber so einfach ist es nicht. Naja, warum sollen andere Menschen nicht von meiner derzeitigen inneren Ruhe und Verfassung profitieren können... mal sehen.

Und die Message des Tages:
Intersexuell sein ist auch sau schön, wenn man es schafft dieses Leben annehmen zu wollen. So was geht natürlich nicht von heute auf morgen und ich habe auch viele Jahre früher damit anfangen können, als viele andere, doch es lohnt sich über seinen Schatten zu springen und die Sache in Angriff zu nehmen. Es ist nie zu spät.

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